Dienstag, 24. März 2015

Mikroplastik in Kosmetik

Mikroplastik taucht in Flüssen und Meeren auf – und gefährdet die darin lebenden Tiere. Wo es herkommt? Unter anderem aus Zahncremes und Peelings. Doch es gibt Alternativen. 

>>Ein kleines Experiment vorweg, das jeder machen kann: Ein Peeling kaufen, in dessen Inhaltsverzeichnis das Wort Polyethylen steht. Davon einen fünf Zentimeter langen Strang in eine Tasse geben und mit etwa 100 Milliliter Wasser verrühren. Die Flüssigkeit anschließend durch einen Kaffeefilter laufen lassen, den Schaum auswaschen und den Filter trocknen ...

Was ist zu sehen? In unserem Versuch fanden wir Puder aus hellblau gefärbten Teilchen, alle weit kleiner als ein Millimeter, aber noch einzeln sichtbar.
Solche Plastikteilchen stecken nicht nur in Peelings, sondern auch in manchen Zahncremes und in anderen Produkten, die sanft rubbeln sollen. Meist sind die Kügelchen aus Polyethylen, manchmal steht auch ein anderer Kunststoff in der Deklaration, etwa Polypropylen oder Polyamid.

Kleine Kugeln auf Wanderschaft

Mit dem Zähneputzen oder Waschen gelangen die Teilchen ins Abwasser und in die Kläranlage. Nicht alle bleiben im Klärschlamm hängen, viele fließen über den Ablauf in die Flüsse und Meere.
Dort werden die Teilchen gefressen, etwa von Muscheln, die Nahrhaftes aus dem Wasser filtern. Oder von Wattwürmern, die von den Nährstoffen im Sand leben und mit den Sand auch Plastikkörner aufnehmen. Kleine Fischchen verwechseln das Plastik mit Futter und werden wiederum von größeren gefressen. Kunststoffteilchen fanden die Wissenschaftler schon im Magen von Heringen oder im Kot von Möwen und Robben.
Für die Tiere hat das Folgen: Die Plastikteile füllen den Magen, liefern aber keine Nährstoffe. Britische Wissenschaftler fütterten Wattwürmer mit Sand, der Plastikkörnchen in einer Konzentration enthielt, wie sie an hochbelas-teten Stränden vorkommt. Die Würmer verloren Energie, weil das Plastik zwar den Darm füllte, aber keine Nährstoffe lieferte. Zudem litten sie häufiger an Entzündungen. Ausgelöst wurden die durch langlebige Umweltgifte wie Flammschutzmittel, die sich an der Oberfläche der Kügelchen anreichern. Bei Versuchen mit Muscheln zeigte sich, dass diese besonders kleine Plastikteilchen herausfiltern und in ihr Gewebe einlagern. Das reagiert darauf mit Entzündungen und kapselt die Partikel ein.
Plastikmüll im Meer ist schon seit Jahren ein Thema. Meist geht es dabei um große, gut sichtbare Teilchen: Tüten, Flaschen oder gar herrenlose Fischernetze. In den letzten drei Jahren befassen sich die Wissenschaftler zunehmend mit dem Plastikmüll, der nicht auf den ersten Blick ins Auge fällt. Sie sprechen von Mikroplastik, wenn die Teilchen kleiner als fünf Millimeter sind. Eine Größe, die sich noch gut erkennen lässt. Doch viele der Teilchen sind nur wenige Mikrometer groß, das sind Tausendstel Millimeter. Zum Vergleich: Unsere Haare etwa sind 50 bis 70 Mikrometer dick.

„Verhindern, was sich verhindern lässt“

Nur mit feinsten Netzen lässt sich Mikroplastik aus dem Wasser fischen und unter dem Mikroskop untersuchen. Wissenschaftler fanden es in Meeren, Seen und Flüssen. Auch in Regen, Bier und Honig wurden schon einzelne Plastikteilchen nachgewiesen. Denn die kleinsten von ihnen sind so leicht, dass sie, etwa wenn sie mit Klärschlamm auf die Felder kommen, mit dem Wind verfrachtet werden.
„Wir wissen noch viel zu wenig über die Mikroplastik-Konzentrationen in den verschiedenen Ökosystemen und deren Quellen“, erklärt Dr. Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung. Er hat Abwasser und Klärschlamm aus zwölf Kläranlagen in Nordniedersachsen untersucht.
„Das Vorkommen an Mikroplastik-Partikeln variierte sehr stark“, berichtete er. Zwar konnten er und seine Kollegen die verschiedenen Kunststoffsorten wie Polyethylen identifizieren, „welche der gefundenen Teile nun aus Kosmetikprodukten stammen, können wir derzeit nicht sagen.“ Denn es gibt noch zahlreiche andere Quellen, aus denen Mikroplastik in die Umwelt gelangen kann.
„Wir werden noch auf lange Zeit in einer von Plastik durchsetzten Welt leben und die Teilchen bleiben uns über Jahrhunderte erhalten“, sagt Meeresbiologe Gunnar Gerdts. „Deshalb brauchen wir mehr Daten für eine fundierte Risikoabschätzung.“ Und bis dahin? „Sollte man an Eintrag verhindern, was sich verhindern lässt.“

Naturkosmetik enthält kein Mikroplastik

Was Mikroplastik in Kosmetik angeht, können die Verbraucher diese Quelle leicht verschließen. In Deutschland listet der Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND unter www.bund.net/mikroplastik auf, welche Produkte Plastik enthalten. Eine App fürs Smartphone bietet www.beatthemicrobead.org/de/
Doch es ist gar nicht notwendig, Produktlisten und das Zutatenverzeichnis zu durchforsten. Zertifizierte Naturkosmetik kommt ohne Mikroplastik aus.  In Peelings setzt sie auf mineralische und pflanzliche Materialien, um die alten Hautzellen wegzurubbeln – von effektiv bis kuschelsanft.
Olivenkerne zum Beispiel. Getrocknet und gemahlen ergeben sie feste Putzkörperchen für die robuste Körperhaut. Auch Aprikosen- oder Traubenkerne gehören in diese Kategorie. Etwas weicher ist Weizenkleie oder Reismehl, das traditionell japanische Geishas für die Pflege ihrer Porzellanhaut verwendeten. Winzige Perlen aus Carnauba- oder Jojobawachs sind so sanft, dass sie sich beim Reiben auflösen und mit ihren Fetten die Haut pflegen.
Ein natürliches Reinigungsmittel mit Peelingeffekt ist ultrafein vermahlene Heil- oder Tonerde. Sie wirkt nicht durch mechanisches Rubbeln, sondern durch ihr hohes Quellvermögen. Die Partikel saugen wie ein Löschblatt Talg, Schmutz, Haut- und Fettpartikel auf und reinigen so die Haut porentief und sehr verträglich. Das naturreine Pulver gibt es nicht nur als Peeling oder Maske, sondern auch in Duschgels und Shampoos. In Naturkosmetik-Zahncremes entfernen Kreide, Tonerde und Kieselmineralien den unerwünschten Zahnbelag.

500 Tonnen pro Jahr

Und wie stehen die konventionellen Kosmetikhersteller zu Mikroplastik? Der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) verweist darauf, dass Mikroplastik sicher für den Verbraucher sei und nur in wenigen Produkten eingesetzt werde. Der Verband schreibt zudem: „Der Anteil von Kunststoffpartikeln aus kosmetischen Mitteln in den Gewässern ist in Relation zum Gesamteintrag gering.“ Das belegt auch eine in Arbeit befindliche Studie für das Umweltbundesamt, die die Menge an Mikroplastik in deutschen Kosmetikprodukten auf 500 Tonnen im Jahr schätzt.
Doch diese 500 Tonnen sind überflüssig, weil es natürliche Alternativen gibt. Das wissen auch die Hersteller: Beiersdorf hat versprochen, „bis Ende 2015 die Polyethylen-Partikel in allen relevanten Produkten zu ersetzen.“ Die Kosmetik-Konzerne L’Oreal, Procter&Gamble und Johnson&Johnson wollen bis 2017 die Plastikteilchen aus ihren Produkten verbannt haben. Dass es so lange dauert, erklärt der IKW so: „Für den Einsatz alternativer Stoffe müssen Sicherheit, Wirksamkeit, Umweltverträglichkeit und Produktstabilität getestet und gewährleistet werden.“ Hierzu seien neben den Entwicklungsarbeiten umfangreiche Prüfungen erforderlich. Anders gesagt: Die großen Kosmetik-Konzerne müssen Natur erst lernen.
Schneller waren die Zahnpasta-Hersteller. Ende Oktober 2014 meldete der BUND, seine Mitarbeiter hätten in Supermärkten und Drogerien keine mikroplastikhaltigen Zahnpasten mehr in den Regalen gefunden.
Logocos


Heinz-Jürgen Weiland, Logocos
„Nano-kleine Putzkörper kommen nicht in die Tube“

Für die Zahncremes seiner Marken Logona und Sante setzt der Naturkosmetikhersteller Logocos auf natürliche Mineralien. „Wir verwenden Kreide und Kieselerde“, erklärt Vorstand und Entwicklungsleiter Heinz-Jürgen Weiland.

Kreide und Kieselerde kommen bei Logocos als Putzkörperchen zum Einsatz. Kreide ist ein weicher Kalkstein, der nach dem Abbau fein vermahlen wird. Kieselerde ist nichts anderes als Quarzsand, chemisch bezeichnet Siliciumdioxid. Die Putzteilchen bestehen aber nicht aus gemahlenem Sand, sondern aus synthetisch hergestelltem Siliciumdioxid, also einem naturidentischen Rohstoff. Das habe den Vorteil, dass die mikrofeinen Kügelchen besonders rein und gleichförmig sind. „Wir legen großen Wert darauf, dass diese Körnchen zwar sehr klein, aber nicht nano-klein sind“, sagt Weiland. „Das lassen wir uns von unserem Lieferanten ausdrücklich versichern.“
In den Alltags-Zahnpasten putzen beide Mineralien parallel. „In unseren Kinder- und Sensitivzahncremes verwenden wir nur Kieselerde. Sie reinigt die Zähne sanfter als die grobkörnigere Kreide.“ Auch in den Peelings von Logona und Sante schubbert Kieselerde alte Hautzellen ab. Auf vermahlene Pflanzenteile als mögliche Alternative steht der Entwicklungschef nicht so. „Viele Lieferanten bestrahlen diese Naturstoffe, um eventuelle Keime abzutöten. Das ist für Naturkosmetik nicht erlaubt.“

Martina Gebhardt



Elke Lorenz, Martina Gebhardt
„Bei uns sind auch die Peelingkügelchen bio“

In den Peelings von Martina Gebhardt Naturkosmetik rubbeln mineralische und pflanzliche Putzkörperchen. „Die pflanzlichen Rohstoffe stammen natürlich aus ökologischem Anbau“, sagt Entwicklungsleiterin Elke Lorenz.

Wenn aus demeter-zertifizierten Oliven Öl gepresst wird, bleiben die harten Kerne zurück. Für Martina Gebhardt sind sie eine gute Basis für Putzkörperchen. „Die Kerne werden gewaschen, getrocknet und fein gemahlen“, erklärt Elke Lorenz. Je kleiner die Teile, desto sanfter die Wirkung. „Man sieht sie im Peeling nicht, aber spürt sie noch als leicht sandiges Gefühl, wenn man die Creme zwischen den Fingern reibt.“ Auch aus den Pressresten, die bei der Herstellung von Bio-Mandelöl anfallen, lassen sich solche kleinen Putzkörperchen gewinnen. Mandelkleie steht dann im Zutatenverzeichnis. Noch sanfter zur Haut sind Perlen aus Jojobawachs.
„Sie haben eher einen massierenden Effekt, weil sie bei Körpertemperatur schon weich sind“, erklärt Lorenz. Hautschuppen abschrubben geht damit nicht wirklich. Das erledigt besonders hautschonend Mineralerde. „Wir erhalten sie vom Hersteller naturbelassen, sie wurde lediglich gesiebt und gemahlen, ebenso wie das Kalaharisalz im Körperpeeling.“ Auch bei einem „kuschelsanften“ Naturkosmetik-Peeling gilt übrigens: ein- bis zweimal die Woche genügt.

Mode, Müll, Waschmittel...

... es gibt mehrere Quellen, die Mikroplastik in die Umwelt abgeben. Eine davon: Fleece-Jacken.

Winddichte Jacken mit ihrem kuscheligen Futter bestehen meist aus Kunststofffasern. Bis zu 1900 davon kann eine Jacke pro Waschgang verlieren, haben Forscher ermittelt. Die Fasern sind so klein, dass sie in keinem Flusensieb hängen bleiben. Öfter auslüften, weniger waschen – das verringert die freigesetzte Menge. Auch Baumwolljacken verlieren Fasern. Doch sind die biologisch abbaubar.
Mikroplastik kann auch über das Waschmittel in die Maschine gelangen. Kügelchen aus Polyethylen oder Polyamid werden in manchen Reinigungsmitteln als Träger für Duftstoffe eingesetzt. Öko-Waschmittel sind eine Alternative.
Plastikkügelchen reinigen auch empfindliche Oberflächen wie antike Möbel, Oldtimer oder Flugzeugteile. Das herkömmliche Sandstrahlen wäre dafür zu grob, der Quarzsand zu hart. Eine Alternative zum Kunststoffstrahlen ist das Strahlen mit Soda. Dieses Mineral setzen Zahnärzte ein, wenn sie Zahnbelag von unseren Zähnen entfernen.
Bei der Herstellung von Kunststoffprodukten besteht das Rohmaterial oft aus nur wenigen Millimeter großen Plastikpellets. Passen die Anwender beim Transportieren und Umladen der Pellets nicht auf, können diese ebenfalls in die Umwelt gelangen. Auch in großen Mengen, falls mal ein ganzer Container über Bord geht.
Andere Plastikteilchen waren einmal groß. Sie entstehen, wenn sich größere Teile Plastikmüll durch das ständige Einwirken von Wellen, Wind und Sonnenlicht zersetzen. Da im Meer Hunderttausende Tonnen Plastikmüll schwimmen, dürfte ihr Anteil am Mikroplastik relativ hoch sein. Verringern lässt er sich, wenn der Müll aus dem Meer gefischt wird. Deutsche Fischer und der Naturschutzbund NABU machen das tatsächlich. www.fishing-for-litter.de <<

(entdeckt in der Schrot & Korn Februar 2015)

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