Donnerstag, 25. Juni 2015

Hunger ist katastrophal

Gefunden in der "Schrot & Korn" 04/2015:

Interview:
800 Millionen Menschen hungern weltweit. Richtig ärgerlich wird Bärbel Dieckmann, die Präsidentin der Welthungerhilfe, wenn sie daran denkt, dass oft nicht Naturkatastrophen, sondern Menschen schuld daran sind. / von Manfred Loosen

Sie sind seit sechs Jahren an der Spitze der Welthungerhilfe. Ist das nicht frustrierend, wenn man sich die Zahl der hungernden Menschen anguckt?

Ja und nein. Auf der einen Seite ist es eine Aufgabe, bei der man viel verändern und mit guter Arbeit Dinge vorwärts bringen kann. Das motiviert mich. Die Zahl der Hungernden hat weltweit abgenommen.Außerdem zeigt mir meine Tätigkeit, wie gut es uns eigentlich geht. Aber es gibt natürlich auch eine Menge Dinge, die frustrierend sind. Das ist für mich vor allem da, wo Menschen durch politische Konflikte oder Bürgerkriege plötzlich in Hunger und Armut geraten, wie in Syrien, im Nord-Irak. Das sind Länder, in denen Hunger vorher eigentlich kein Thema war. Das ist schon frustrierend. Oder Länder, die auf einem guten Weg waren, wie Sierra Leone. Und dann kommt eine Krankheit wie Ebola, die die Fortschritte wieder zerstört.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Ganz bitter ist es, wenn ich Regionen besuche, in denen Menschen hungern, in denen Kinder unterernährt sind, Kinder sterben, und wo man weiß, dass es eigentlich eine Lösung gibt. Schlimm ist, wenn internationale Bedingungen Hunger mit verursachen. Hunger ist einfach das Katastrophalste, was Menschen erleben können. Das ist ja nicht nur eine Verletzung des Menschenrechts: Kinder, die nicht ausreichend zu essen haben, können nicht lernen. Viele Menschen müssen 80 Prozent ihres Geldes für Lebensmittel ausgeben, da bleibt dann kein Geld mehr für Schulgeld übrig, keins für Medikamente. Kinder sterben an Krankheiten. Das ist der Kreislauf, der unbedingt durchbrochen werden muss und den man auf jeden Fall auch durchbrechen kann.

Was kann man gegen den Hunger tun?

Es gibt von uns eine klare Aussage: Wir brauchen Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft! Die Problematik heute ist ja, dass ausreichend Lebensmittel weltweit erzeugt werden. Das heißt, es hungern keine Menschen, weil es zu wenig Lebensmittel gibt. Die Verteilung der Lebensmittel und der ungerechte Zugang zu Lebensmitteln sind das Problem. Deshalb müssen wir die Kleinbauern unterstützen. Damit sie sich selbst mit Essen versorgen können.

Es wird immer wieder behauptet, dass es schlichtweg zu wenig Lebensmittel gebe. Die Grüne Gentechnik wird da oft als Lösung genannt.

Die Hungerfrage löst man nicht über Gentechnologie. Die würde die Menschen noch abhängiger machen von Saatgut, das sie jedes Jahr neu kaufen müssten. Aber das können sie nicht! Dafür sind sie zu arm! Und es ist bisher auch nicht nachgewiesen, dass Gentechnik gegen Hunger sinnvoll ist in der Welt.

Der Ansatz, die Produktion massiv zu steigern, bringt also nichts?

Da sind wir sehr skeptisch. Das ist mit Bodennutzung verbunden, mit Wassernutzung, mit Energienutzung. Wir haben diese Flächen und diese Ressourcen einfach nicht mehr. Die Produktion muss da erhöht werden, wo Nahrungsmittel gebraucht werden.

Eine Lösung könnte doch der Öko-Landbau sein. Wie wichtig ist Bio für die Bevölkerung in armen Ländern?

Bio-Anbau ist bei uns natürlich wichtig, aber wir sagen nicht: „Nur Bio-Anbau!“, weil wir weltweit auf sehr unterschiedliche Situationen treffen. Häufig kann Bio-Anbau schon deshalb sinnvoll sein, weil er meist billiger ist: Die Bauern müssen keine Pestizide oder Chemiedünger kaufen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir sehr zurückhaltend sind bei Gentechnik.

Sollen Entwicklungsländer, in denen Menschen hungern, exportieren?

Die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe sollen erstmal so viel produzieren, dass sie die Bauern und ihre Familien ernähren können. Der zweite Schritt ist, dass sie über die Selbstversorgung hinaus vielleicht noch etwas auf dem nächsten Markt verkaufen können. Und dann kommt erst der dritte Schritt, der Export. Den gibt es auch. In Sierra Leone haben wir mit den Menschen ein Bio-Kakao-Projekt auf den Weg gebracht; in Afghanistan wird Rosenöl produziert. Das ist nicht selten der Fall, aber damit beginnt es nicht.

Haben Klimawandel und Hunger miteinander zu tun?

Ganz viele jetzige Hungerkrisen sind durch den Klimawandel verursacht. Das, was bei uns mal eben als Sturm kommt, wo dann auch ein paar Bäume umfallen, das ist in vielen Ländern die Überflutung, das kann die Dürre sein, die viel stärker ausgeprägt ist. Es gibt viele Landflächen, die noch vor 20 Jahren nutzbar waren, die es heute nicht mehr sind. Das ist für uns eine der allergrößten Herausforderungen. Den Klimawandel führt man ja auch zurück auf die Abholzung ganzer Regenwälder in Lateinamerika. Das wird gemacht, um Viehfutter anzubauen und Fleisch zu produzieren. Auch Fleischkonsum ist ein ganz großes Problem.

Hat Ihre Arbeit Auswirkungen auf Ihren ganz persönlichen Konsum?

Ja, ganz eindeutig. Ich habe immer schon bewusst konsumiert, aber jetzt passe ich noch viel mehr auf. Ich sage mal ein Beispiel: Früher habe ich eher mal meinen Kühlschrank gefüllt und riskiert, dass auch was übrig bleibt, was ich dann wegschmeißen muss. Jetzt gehe ich lieber nochmal einkaufen. Es fällt mir unglaublich schwer, Lebensmittel wegzuwerfen. Fleisch esse ich auch kaum. Ich bin keine Vegetarierin, aber wir müssen den Fleischkonsum reduzieren, das ist ganz klar. Wenn Länder wie Indien und China auch nur teilweise nachholen in ihrem Anspruch auf Fleisch, dann geht das nicht mehr: Es gibt nicht mehr ausreichend Flächen, das zu produzieren.

Das heißt: Es muss sich nicht nur in den Entwicklungsländern etwas ändern, sondern in erster Linie erst einmal hier?

Davon bin ich ganz fest überzeugt. Es muss sich bei uns ganz viel ändern: bei den Produktionsmethoden, beim Verbrauch, beim Einkauf: Wenn ein T-Shirt hier für drei Euro verkauft wird, kann das nicht nach ökologisch sinnvollen und für die Menschen akzeptablen Bedingungen produziert worden sein. Wir haben ganz viel damit zu tun.

Kann da also jeder von uns was tun?

Ja. Ich denke, man muss darauf achten, was man kauft. Ich plädiere ganz stark für den regionalen Einkauf. Schon wegen der Transportkosten. Außerdem: Fleischkonsum senken, weniger Energie verschwenden, weniger wegwerfen und auch auf Siegel schauen bei dem, was man kauft.

(Quelle: schrotundkorn)

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