Donnerstag, 25. August 2016

Die Preise lügen


>>Herkömmliche Lebensmittel sind billig. Zumindest auf den ersten Blick. Denn viele Kosten, die bei ihrer Herstellung anfallen, stehen auf einer ganz anderen Rechnung.

Das war mal wieder ein günstiger Einkauf: 99 Cent für 100 g Tilsiter, 1 Euro 50 Cent für sechs Bratwürste, der Liter Vollmilch für 59 Cent ... Der Einkaufswagen ist voll und es hat gerade einmal 30 Euro gekostet.

Doch auf dem Kassenzettel stehen längst nicht alle Kosten, die bei der Herstellung dieser Lebensmittel angefallen sind. Wer zahlt, wenn aus überdüngten Wiesen Nitrat ins Trinkwasser sickert? Wer zahlt, wenn Pestizide Menschen krank machen? Wenn Treibhausgase aus der Landwirtschaft das Klima anheizen? Wir alle zahlen dafür. Denn diese Kosten finden sich in unserer Wasserrechnung wieder, in unseren Krankenkassenbeiträgen und den Steuern, die der Staat braucht, um Hochwasseropfern zu helfen oder höhere Dämme zu bauen. Wir alle zahlen, auch dann, wenn wir diese billigen Lebensmittel gar nicht kaufen.

Externe Kosten nennen das die Experten und meinen damit Kosten, die nicht von denen getragen werden, die sie verursachen. Eigentlich wäre es gerecht, wenn die Käufer dieser Lebensmittel die Schäden gleich auf dem Kassenzettel in Rechnung gestellt bekämen. Doch das ist gar nicht so einfach. Nur wenige Schäden lassen sich gut beziffern, andere müsste man grob abschätzen und viele treffen nicht uns, sondern unsere Kinder und Enkel in 20 oder 30 Jahren.

Die Rechnung zahlen andere

Deutlich wird das zum Beispiel an den Nitraten im Grundwasser. Egal ob Weizen, Kartoffeln oder Mais: Pflanzen brauchen Stickstoff, um zu wachsen. Damit sie genug davon bekommen, fahren die Landwirte stickstoffhaltige Gülle, Gärreste aus der Biogasanlage und Kunstdünger auf ihre Wiesen und Äcker. Doch so viel Stickstoff können die Pflanzen gar nicht aufnehmen. Ein Teil davon sickert als Nitrat in den Boden und hinab ins Grundwasser. Im vieh- und damit güllereichen Niedersachsen ist bereits jedes dritte oberflächennahe Grundwasservorkommen belastet. Und irgendwann trifft es auch die tiefergelegenen Brunnen. Aus solchen Tiefbrunnen versorgt etwa der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) über 900 000 Menschen im Nordwesten Deutschlands mit Trinkwasser. „Noch ist es sauber und die Qualität gut“, sagt Gunnar Meister, der Pressesprecher des OOWV. Damit es so bleibt, investiert der Verband jedes Jahr 2,2 Millionen Euro in den vorbeugenden Grundwasserschutz, etwa indem er Flächen in Wasserschutzgebieten erwirbt und unter strengen Auflagen verpachtet. Sollte das Nitrat aber in die Tiefbrunnen durchbrechen, werde es richtig teuer, erklärt Meister.

In einem solchen Fall muss ein Wasserversorger unbelastetes Grundwasser von weit her holen oder das Nitrat technisch aus dem Grundwasser entfernen. In manchen Gemeinden Deutschlands ist das schon passiert. „Im Extremfall könnte das pro Kubikmeter Wasser rund einen Euro mehr auf der Wasserrechnung bedeuten“, rechnet Maria Krautzberger vor, die Präsidentin des Umweltbundesamtes. Der Bund für Umwelt und Naturschutz spricht von Kosten zwischen acht und 25 Milliarden Euro jährlich, die auf die Verbraucher auf jeden Fall zukommen. Denn das Nitrat ist schon im Boden und wird jeden Tag mehr.

Das französische Umweltministerium hat die künftigen Wasserreinigungskosten auf die landwirtschaftliche Fläche umgerechnet und kommt auf 800 bis 2400 Euro je Hektar und Jahr. Auf einem Hektar Weizenfeld erntet ein Landwirt rund acht Tonnen Weizen, für den er 1600 Euro bekommt. Das zeigt: Eigentlich müsste der Weizen doppelt so teuer sein, nur damit die künftige Wasserreinigung bezahlt werden kann.

Doch die Belastung des Grundwassers mit Nitrat ist nur ein Posten, der nicht auf dem Kassenzettel mit konventionellen Lebensmitteln steht. Josef Tumbrinck ist Vorsitzender des Naturschutzbundes Nordrhein-Westfalen. Seit 1989 bestimmt sein Verband zusammen mit den Insektenforschern des Entomologischen Vereins Krefeld die Menge der Fluginsekten in NRW „Unsere Beobachtungen sind beängstigend“, sagt er. In den letzten 15 Jahren sei die Menge um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. „Wenn uns die Fluginsekten fehlen, gerät die gesamte Nahrungskette in Gefahr: Blumen und Bäume werden nicht mehr bestäubt und Mauerseglern und Schwalben fehlt die Nahrungsgrundlage“, beschreibt Tumbrinck die Folgen.

Bedroht von Pestiziden und intensiver Landwirtschaft sind nicht nur Insekten, sondern auch Feldhamster und Rebhuhn, Kornblume und Rittersporn, insgesamt Hunderte von Tier- und Pflanzenarten. Das Umweltbundesamt formuliert es so: „Mit der Intensivierung im Pflanzenbau und der Industrialisierung in der Tierhaltung zählt die Landwirtschaft heute zu den treibenden Kräften für den Verlust an biologischer Vielfalt.“ Das Artensterben hat viele Auswirkungen, auch ökonomischer Art. Auf dem Kassenzettel sind diese Kosten allerdings Fehlanzeige.

Wenn Landwirtschaft krank macht

Zahlreiche Spritzgifte wirken beim Menschen krebserregend, sie können das Erbgut schädigen oder haben hormonelle Wirkungen. Hinzu kommen akute Vergiftungen, etwa wenn der Wind die Pestizide beim Ausbringen in benachbarte Siedlungen weht. Noch häufiger sind Vergiftungen dort, wo Landarbeiter und Kleinbauern ohne Schutzkleidung mit Pestiziden hantieren. Die Weltgesundheitsorganisation ging schon 1990 von 25 Millionen Vergiftungsfällen und 20  000 Toten jährlich aus. Schweizer Wissenschaftler geben die jährlichen Gesundheitsschäden aus dem Pestizideinsatz in der Schweiz mit 22 bis 72 Millionen Euro an und bezeichnen das ausdrücklich als Mindestschätzung. Umgerechnet auf Deutschland wären das 300 Millionen bis eine Milliarde Euro.

Um die Gesundheit geht es auch bei antibiotikaresistenten Keimen, die aus Mastställen über Abluft oder Gülle in die Umwelt gelangen können. Das Bundesgesundheitsministerium geht von insgesamt 40 000 bis 60 000 Patienten aus, die sich jedes Jahr mit multiresistenten Keimen wie MRSA infizieren – und von bis zu 1 500 Toten. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts stammen bundesweit zwei Prozent der MRSA aus der Landwirtschaft. Weitaus höher ist ihr Anteil in den Hochburgen der Schweinemast. Dort kann er bis zu einem Fünftel betragen.
Jeder Patient verursacht Kosten von 3 000 bis 20 000 Euro, schätzen die Universitäten Twente und Münster.

Kohlendioxid verursacht Milliardenschäden

Die Landwirtschaft heizt auch dem Klima ordentlich ein. Sie sei in Deutschland für 11 bis 14 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, schreibt die Umweltorganisation WWF. Ein Teil davon entfällt auf das klimaschädliche Lachgas, das freigesetzt wird, wenn Landwirte zu viel düngen. Die Produktion von Kunstdünger und Pestiziden verbraucht zudem reichlich Energie und trägt damit ebenfalls zum Treibhauseffekt bei. Ebenso das Methan, das die Kühe rülpsen, und die Sojafelder Südamerikas, auf denen das Futter für unsere Tiere wächst. Denn die Viehhalter, die einst diese Flächen bewirtschafteten, wurden verdrängt – und holzen jetzt Regenwald für neue Viehweiden ab. Die Welternährungsorganisation FAO rechnet damit, dass jede Tonne freigesetztes Kohlendioxid Schäden von rund 100 Euro verursachen wird. Das wären bezogen auf die deutsche Landwirtschaft sechs bis zwölf Milliarden Euro – jährlich. Auch wenn diese Milliarden erst in einigen Jahren beglichen werden müssen, verursacht wurde der Schaden jetzt. Durch die Herstellung der Lebensmittel, die wir jetzt essen.

Bio-Landwirtschaft verursacht deutlich weniger Kosten

Auch der ökologische Landbau verursacht externe Kosten – allerdings weit weniger als die konventionelle Landwirtschaft. Zahlreiche Studien belegen, dass Bio-Bauern das Grundwasser schützen, die Artenvielfalt fördern und in ihren Böden überschüssiges Kohlendioxid binden und so das Klima entlasten. Trotz dieser Leistungen zahlen die Kunden für Bio-Lebensmittel mehr als für konventionelle. Weil der Öko-Landbau nicht Höchsterträge um jeden Preis liefert und eine umweltverträgliche Landwirtschaft mehr Arbeit macht. Und weil die externen Kosten nicht auf der Rechnung stehen.

„Preise für Lebensmittel müssen die Wahrheit sprechen und alle Kosten widerspiegeln, die bei der Produktion anfallen“, fordert Felix zu Löwenstein, der Präsident des Bio-Dachverbands BÖLW. Nur dann hätten nachhaltig hergestellte Lebensmittel eine Chance im Wettbewerb. Doch die aufgelisteten externen Kosten auf ein Kilogramm Kartoffeln umzurechnen und auf den Kassenzettel zu schreiben, ist kompliziert. Ein einfacheres Instrument wäre es, Pestizide zu verteuern, indem auf jedes Kilogramm Wirkstoff eine Abgabe erhoben wird. Je giftiger, desto höher. Dänemark macht das bereits so. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) hat 2015 ein Konzept für eine solche Abgabe vorgelegt. Auch das Umweltbundesamt hat sich dafür ausgesprochen. Andere schlagen eine Abgabe auf Stickstoffdünger oder einen günstigeren Mehrwertsteuersatz für Bio-Lebensmittel vor. Doch die Bundesregierung lehnt solche Maßnahmen bisher ab. Noch ist der politische Druck scheinbar nicht groß genug.

„Also müssen wir mehr Menschen über die Kosten informieren, die nicht auf dem Kassenbon stehen“, dachte sich Volkert Engelsman. Der Geschäftsführer des niederländischen Bio-Obst- und Gemüsehändlers Eosta hat Anfang 2016 die Kampagne „Was unser Essen wirklich kostet“ gestartet. Dazu hat er eine Berechnungsmethode der Welternährungsorganisation FAO auf einige der Eosta-Lieferanten angewandt. „Viele Daten hatten wir bereits von unseren Nachhaltigkeits-Assessments, die wir alle zwei Jahre machen.“ Um die externen Kosten der Bio-Produktion vergleichen zu können, überzeugte er konventionelle Betriebe aus deren Nachbarschaft, mitzumachen. „Wir wollten reale Daten von realen Betrieben.“ Die Vergleiche, etwa für Äpfel, Birnen, Ananas und Orangen, hat Eosta auf der Webseite www.natureandmore.com veröffentlicht und erklärt. Egal ob Treibhausgase, Boden oder Wasser betrachtet wurden – der Öko-Anbau schnitt immer besser ab als der konventionelle. So erspart ein Hektar Bio-Tomatenanbau unseren Enkeln künftige Klimaschäden in Höhe von 60 000 Euro – und das jedes Jahr.


Bio: gut fürs Trinkwasser

Bio-Bauern verzichten auf Kunstdünger und synthetische Pestizide. Sie halten weniger Tiere pro Fläche und bringen deshalb weniger Gülle aus.


Wahre Preise

„Was unser Essen wirklich kostet“ heißt die Kampagne von Eosta. Auf www.natureandmore.com zeigt der Händler von Bio-Obst und Bio-Gemüse die wahren Preise für Äpfel, Kartoffeln & Co. aus ökologischem und konventionellem Anbau.

Hier ein Erklärvideo dazu:




Mehr zum Thema

www.natureandmore.com
Modell des Bio-Großhändlers Eosta, um die wahren Kosten von Obst und Gemüse deutlich zu machen.

www.naturkapital-teeb.de
Das Portal zeigt, welche Leistungen die Natur erbringt und was sie wert sind.

www.myecocost.org
Forschungsprojekt, das die wahren Kosten von Produkten aufs Smartphone und auf den Kassenzettel bringen will.

http://truecostmovie.com
Film (englisch) über die wahren Kosten unserer Kleider.<<

(Quelle: schrotundkorn.de)

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