Freitag, 23. März 2018

Regional reicht nicht

Aus der Region – gut für die Region? Die Antwort ist nicht immer ja.



>>Wenn Gudrun Eichler über die Hühnermast und den Schlachthof in ihrer Region berichtet, klingt das nicht nach Idylle: „Seit Jahrzehnten werden wir mit mörderischem Gestank belastet, und durch die Abluft werden Keime in die Luft geschleudert.“ Die nächsten Megaställe liegen weniger als 500 Meter Luftlinie von ihrem Haus entfernt. „Eine Million Hühner werden hier jeden Monat gemästet. Und zum Schlachthof kommt alle fünf Minuten ein LKW mit Schlachttieren“, beschreibt Eichler die Lage. 

Produkte aus der Region liegen den Deutschen am Herzen. So ist laut Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zwar der persönliche Geschmack für 97 Prozent das wichtigste Kaufkriterium, schon an zweiter Stelle folgt jedoch mit 78 Prozent die regionale Herkunft. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Forschungsgruppe Wahlen e.V. im vergangenen Sommer. Dabei wurde auch gefragt, wann die Menschen Lebensmittel als regional bezeichnen. „Wenn sie aus einem Umkreis von höchstens 50 Kilometern stammen“, sagte knapp die Hälfte. Für weitere 43 Prozent sind auch 200 Kilometer noch angemessen. Die Befragten waren zu 78 Prozent überzeugt, durch den Kauf regionaler Lebensmittel kleine bäuerliche Betriebe zu unterstützen. 86 Prozent sagten, dass regionale Produkte durch kürzere Transportwege eine bessere Umweltbilanz haben.

Kürzere Transportwege sprechen in jedem Fall für Regionalität – weniger Verkehr, weniger CO2-Ausstoß. Zudem stärken regionale Produkte die Landwirtschaft vor Ort. Im besten Fall unterstützt man Betriebe, die man kennt und weiß, wie dort gearbeitet wird. Doch regional steht eben nicht nur für kleine bäuerliche Betriebe. Das zeigt das Beispiel von Gudrun Eichler.

Die Architektin lebt seit 25 Jahren in Königs Wusterhausen südlich von Berlin. Vor anderthalb Jahren hatte sie genug von den Megaställen und schloss sich der Bürgerinitiative „KW stinkt’s“ gegen die Erweiterung des Wiesenhof-Schlachthofs im benachbarten Niederlehme an. Die Bürgerinitiative hält den Betrieb für teilweise illegal, unter anderem, weil die amtstierärztlichen Untersuchungen nicht ausreichend gewährleistet seien und zu viel Grundwasser entnommen werde. Das Abwasser werde in einer Kläranlage gereinigt, der eine entscheidende Reinigungsstufe fehle, sodass Hormone und Antibiotika nicht entfernt werden können.

Auch Eier aus Massentierhaltung können regional sein und konventionelles Obst und Gemüse, das mit Pestiziden gespritzt und mit Kunstdünger aufgezogen wurde. Mit der Folge, dass die Pestizide direkt vor der Haustüre ausgebracht werden und durch Überdüngung das Grundwasser und die Gewässer vor Ort verseucht werden.

Doch was heißt eigentlich regional? Begriffe wie „regional“ oder „aus der Region“ sind nicht geschützt. Jeder Anbieter kann die Größe seiner Region selbst festlegen und mit eigenen Siegeln dafür werben. So locken viele Supermarktketten mit Handelsmarken wie „Gutes aus der Heimat“ oder „Unser Norden“. Woher die Rohstoffe kommen, bleibt aber gerade bei verarbeiteten Lebensmitteln meist unklar oder die Definition ist geradezu kurios. So dürfen auch Kaffee und Bananenchips unter der konventionellen Marke „Unser Norden“ vermarktet werden, wenn sie in einem norddeutschen Bundesland verarbeitet wurden.

Es gibt aber auch strengere Regio-Siegel. Das Label „Geprüfte Qualität – Hessen“ garantiert beispielsweise die Herkunft von Zutaten aus Hessen und die Verarbeitung im Bundesland. Noch eine Nummer besser ist das verwandte Siegel „Bio-Siegel Hessen“, mit dem man zusätzlich Bio-Qualität kauft. Ähnliche Siegel gibt es in anderen Bundesländern. Auch einige regionale Vermarktungsinitiativen bieten mehr Durchblick. Rund 50 haben sich dem Bundesverband Regionalbewegung angeschlossen und garantieren damit, dass die Zutaten zu 100 Prozent aus der definierten Region stammen und Herstellung und Verarbeitung in dieser Region stattfinden.

Wer jedoch Wert legt auf Gentechnikfreiheit, auf den Verzicht synthetischer Pestizide, auf Bodenschutz, artgerechte Tierhaltung und wenig Zusatzstoffe, muss genauer hinschauen. Bio ist da immer eine sichere Wahl – in Verbindung mit regionaler Herkunft die beste. Um das Traumpaar „bio-regional“ kümmern sich daher viele Bio-Unternehmen wie zum Beispiel die Upländer Bauernmolkerei, die Bohlsener und die Spielberger Mühle oder der Bauckhof, die Rohstoffe wie Getreide oder Milch von Bio-Landwirten in ihrer Region beziehen. Dadurch schaffen sie im Unternehmen und darüber hinaus Arbeitsplätze und stärken regionale Wirtschaftskreisläufe.

Während aus regionalen Zutaten hergestellte Produkte oft in ganz Deutschland verfügbar sind, geht es bei frischen Lebensmitteln oft noch regionaler zu – sie wachsen in der Region, werden dort verkauft und verzehrt. Für diese kleinen Kreisläufe bemühen sich viele Bio-Großhändler und Bio-Läden. Beispielsweise die Tagwerk-Biomärkte rund um Erding bei München. Dort stammen ein Großteil des Frischesortiments und weiterer Produkte von der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Tagwerk eG. Der haben sich über 100 Bauern sowie Bäckereien, Metzgereien und Käsereien angeschlossen. Keiner der Betriebe liegt weiter als 100 Kilometer von Erding entfernt.

Auch das Naturkost Kontor Bremen sorgt für regionales Bio in den Läden:  Bio-Landwirte aus der Nähe von Bremen liefern Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch direkt ins Lager auf dem Bremer Großmarkt. Andere Bio-Großhändler machen auf regionale Produkte mit Eigenmarken aufmerksam. Ein Beispiel ist die Marke „VON“ des Bio-Großhändlers Naturkost Elkershausen. Auf jedem Produkt steht mit Ort und Name, woher das Produkt kommt, zum Beispiel VON-Nackthafer vom Biolandhof Gut Fahrenbach im hessischen Witzenhausen.

Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) erwartet über kurz oder lang einen „Unschuldsverlust“ bei den vielen blumigen Regional-Siegeln. Die Spreu werde sich vom Weizen trennen, ist er überzeugt und sieht dabei Öko-Lebensmittel im Vorteil: „Bio ist in puncto Qualität über mehrere Level sauber kontrolliert, während regional einfach jeder machen kann.“

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(Quelle: Schrot & Korn)

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