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Dienstag, 8. September 2015

Septembermorgen



Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.


Eduard Mörike

Montag, 2. Februar 2015

Sonne im Februar


Sonne im Februar
lässt Frühling erahnen,
- oh wie sehn ich mich nach Blumenduft.

Wann endlich zieht er seine Bahnen,

durchflutet wieder unsre Luft?

Ein kleiner, erster Märzenbecher streckt sich
in Richtung Sonnenlicht,
einsam blüht er, viel zu früh 
- noch ist Frühling nicht.
Zaghaft, kraftlos, will sie doch wärmen
und trifft nur lauwarm auf die Haut,
erreicht noch nicht das Herz.
Hinter schneegefüllten Wolken wartet schon,
- die Sonne im März.


Maria Kindermann

Montag, 3. November 2014

Novembertag


Nebel hängt wie Rauch ums Haus,

drängt die Welt nach innen;

ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern

Dienstag, 14. Oktober 2014

Du musst das Leben nicht verstehen




Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen,
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke


Donnerstag, 24. April 2014

Fülle


Alle Tage rauscht die Fülle der Welt an uns vorüber.
Alle Tage blühen Blumen, strahlt das Licht,
lacht die Freude.

Immer umgibt uns ein Überfluss des Schönen.
Das ist das Herrliche an jeder Freude,
dass sie unverdient kommt.
Sie ist frei und ein Gottesgeschenk für jedermann,
wie der wehende Duft der Lindenblüte.

Hermann Hesse

Dienstag, 8. April 2014

Nie die Hoffnung verlieren


Kommt's manchmal anders, als du denkst,
du darfst doch nicht die Hoffnung lassen;
mit jedem neuen Morgenrot
gilt es, von Neuem Mut zu fassen.

Es muss ja auch der kräftige Baum
wohl manches Dutzend Blüten wagen,
eh' ihm das karge Lose vergönnt,
nur eine reife Frucht zu tragen.

Emanuel Geibel


Freitag, 4. April 2014

Voll Blüten



Voll Blüten steht der Pfirsichbaum,
nicht jede wird zur Frucht,
sie schimmern hell wie Rosenschaum
durch Blau und Wolkenflucht.

Wie Blüten gehn Gedanken auf,
Hundert an jedem Tag -
Lass blühen! Lass dem Ding den Lauf!
Frag nicht nach dem Ertrag!

Es muss auch Spiel und Unschuld sein
und Blütenüberfluss,
sonst wär die Welt uns viel zu klein
und Leben kein Genuss.

Hermann Hesse

Dienstag, 11. Februar 2014

Leben


Das Leben ist eine Chance, nutze sie.
Das Leben ist schön, bewundere es.
Das Leben ist Wonne, koste sie.
Das Leben ist ein Traum, verwirkliche ihn.
Das Leben ist eine Herausforderung, nimm sie an.
Das Leben ist eine Pflicht, erfülle sie.
Das Leben ist ein Spiel, spiele es.
Das Leben ist kostbar, gehe sorgsam damit um.
Das Leben ist Reichtum, bewahre ihn.
Das Leben ist Liebe, genieße es.
Das Leben ist ein Rätsel, löse es.
Das Leben ist ein Versprechen, erfülle es.
Das Leben ist Traurigkeit, überwältige sie.
Das Leben ist ein Lied, singe es.
Das Leben ist ein Kampf, nimm ihn auf.
Das Leben ist eine Tragödie, stelle dich ihr.
Das Leben ist ein Abenteuer, wage es.
Das Leben ist kostbar, zerstöre es nicht.
Das Leben ist Leben, erkämpfe es dir.

Mutter Teresa

Dienstag, 5. November 2013

Herbstbild


Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel


Mittwoch, 23. Oktober 2013

Frühherbst


Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen
steht nun der Herbst am Stoppelfeld,
in klarer Luft die weißen Fäden blitzen,
in Gold und Purpur glüht die Welt.

Ich seh hinaus und hör den Herbstwind sausen,
vor meinem Fenster nickt der wilde Wein,
von fernen Ostseewellen kommt ein Brausen
und singt die letzten Rosen ein.

Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde,
ein später Falter sich darüber wiegt —
ich fühle, wie ich still und ruhig werde,
und dieses Jahres Gram verfliegt.

Agnes Miegel


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